Du kennst mich doch jetzt schon eine ganze Weile. Du weißt doch eigentlich, wie ich ticke und hast mich in den letzten Jahren in vielen Lebenslagen kennen gelernt.
Ich hab dir viel erzählt, wir haben stundenlang diskutiert, du wolltest mir immer helfen und ich hab dich schnell ins Herz geschlossen.
Und verändert habe ich mich in der ganzen Zeit, in der wir uns kennen auch - das steht außer Frage.
Doch wäre ich so, wie ich sein wöllte, würde ich mich selbst nicht so schlecht behandeln.
Ich hab mir das nicht ausgesucht, Erfahrungen und Enttäuschungen haben das aus mir gemacht, was ich heute bin.
Du sagst, du hasst diese Seite an mir, die da mal war, weil ich sonst einen perfekten Charakter hätte. Nur weißt du nicht, ob davon noch etwas übrig ist.
Du sagst das, was ich damals getan habe, wäre schlampig und scheiße gewesen.
Ich verstehe, dass du keine Freundin willst, in der eine Schlampe steckt, aber wieso glaubst du, dass ich so etwas in einer Beziehung machen würde oder überhaupt, wenn ich in jemanden verliebt bin?
Du weißt, dass ich mir mit Chris damals mehr erhofft hatte. Nur deswegen bin ich überhaupt zu ihm gegangen, weil er mir etwas vorgelogen hat und ich so naiv war und ihm geglaubt hatte - aber vielleicht war es auch wieder nur so ein Schutz. Schließlich wollte ich ebenfalls von S. loskommen - das weißt du. Du hast mir tausend Mal gesagt, dass ich die Gefühle für ihn vergessen muss und ich hab es geschafft - aber wie, ist dir auch nicht Recht.
Die Zeit mit Chris hat mir gut getan, hätte ich ihn abserviert, wäre ich wieder alleine gewesen. Ich wäre wieder rückfällig geworden, vielleicht wären die Suizidgedanken wieder gekommen, vielleicht hätte ich Tabletten genommen, zu tief geschnitten, mich vergiftet, keine Ahnung.
Ich bin bei Chris geblieben, weil er mich mit seinem Optimismus und seiner Lebensfreude angesteckt hat. Er war immer gut gelaunt und bei ihm zu sein war immer wie eine Flucht aus dem Alltag.
Außerdem war ich frei! Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Habe mich niemandem versprochen, war an niemanden gebunden. Und was ist daran so schlimm, mit 16 Erfahrungen zu sammeln?
Meine Schwester war genauso. Sie meinte, wäre sie nicht so gewesen, hätte sie nie so einen Freund wie Tobias bekommen und die beiden gehören einfach zueinander. Er sagt nicht, dass sie sich schlampig verhalten hat (wobei ich nicht einmal weiß, ob sie es ihm erzählt hat). Aber selbst wenn - er weiß, dass sie treu ist und ihn über alles liebt. Dass sie ihn glücklich machen will.
Ihr hat die Zeit, in der sie genau das getan hat wie ich, nicht geschadet, nein, im Gegenteil. Sie hat ihr geholfen, sich besser zu fühlen.
Du wusstest von meinem Selbsthass. Es gab Phasen, da bin ich weinend zusammen gebrochen, als ich mich im Spiegel gesehen habe, weil ich mich einfach nur unfassbar hässlich und fett gefühlt habe.
Chris hat mich so akzeptiert wie ich bin, er hat mir nicht nur gesagt, dass er mich attraktiv findet, er hat es mir gezeigt. Und allein die Einbildung, dass er es auch so gefühlt hat, hat gereicht und mir gut getan, sonst wäre es jetzt wahrscheinlich mit der Art des Selbsthasses nicht vorbei.
Wieso sollte ich jemandem den Rücken zuwenden, wenn er mir so gut getan hat, in einer Zeit in der ich allein und verlassen war? In der die Hoffnung immer mehr starb und ich immer dringlicher den Wunsch hatte, einfach weg zu sein?
Vielleicht hat er mich sogar gerettet. Ich weiß nicht, wie es sonst verlaufen würde.
Aber ich weiß, dass ich ihm dankbar sein kann, dafür, dass er in der Zeit für mich da war und ich mir ein wenig einbilden konnte, dass mich jemand so mag, wie ich bin.
Keine Ahnung, wie oft ich versucht habe, dir das alles zu erklären. Aber ich hoffe, du weißt selbst, dass ich meinem Herzen treu bleibe - sogar so sehr, dass ich vom 21. Mai 2010 bis zum 19. Juni 2012 immer wieder rückfällig wurde und mich von diesem einen nicht losreißen konnte.
Dabei habe ich verzweifelt versucht, ihn los zulassen. Aber es ging nicht, weil ich ihn geliebt habe.
Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es vorbei ist. Auch, dass das mit Chris vorbei ist.
Und drei Mal darfst du raten, wer wohl jetzt den Platz einnimmt, den einst S. eingenommen hat.
Nämlich den größten Platz in meinem Herzen.
Ich denke, du weißt, wen ich meine.
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