Früher habe ich es geliebt, zum Arzt
zu gehen. Hatte ich einen lockeren Milchzahn, der nur noch am
seidenen Faden hing, dann wollte ich zum Zahnarzt – wollte eine
Betäubung, auch wenn keine nötig gewesen wäre und vor allem wollte
ich mir etwas aus dem Spielzeugkorb aussuchen, weil ich so tapfer war
und nie geweint habe. Ich war wohl die Einzige, die es so sehr
geliebt hat, einen Zahn gezogen zu bekommen.
Ich mochte auch meinen Hausarzt, ihm
die Zunge raus zu strecken damit er meinen Hals sehen konnte und das
kalte Stethoskop auf meinem Rücken. Als Kind ein Highlight.
Das hat sich geändert. Ich hasse
Arztbesuche. Zum Zahnarzt zwinge ich mich gerade noch so, aber mein
Hausarzt hat mich seit bestimmt 5 Jahren nicht gesehen. Das letzte
Mal, als ich diese komischen Rückenschmerzen hatte, wegen denen ich
nicht mehr richtig sitzen oder liegen konnte, es tat einfach alles
weh. Ich habe das 9 Wochen lang ignoriert.
Im Oktober 2010 kam ich auf die
saublöde Idee, vom Parkhaus in die nächste Etage runter zu
springen. Unter mir Beton. Und ich komme mit nur einem Fuß auf. 6
Wochen lang war ich nicht beim Arzt, der Fuß war geschwollen, ich
konnte kaum laufen und wahrscheinlich war er geprellt oder sonst
etwas, aber beim Arzt war ich nie. Letztens war ich krank, 3 Wochen
lang eine böse Erkältung. Nase zu, Hals gereizt, emotional sowieso
immer gereizt, schwach, kraftlos, kaum gegessen, nur geschlafen –
einfach krank. Ich war nicht beim Arzt.
Es gab Zeiten, da wollte ich zu einem
Psychotherepeuten. Ich wollte eine objektive, erfahrene Meinung und
ich wollte endlich etwas ändern. Ich habe selbst meinen Eltern davon
erzählt. Ich bin nie hingegangen.
Es ist nicht so, dass ich den Ärzten
nicht vertraue oder so, nein, es ist einfach die Angst davor, dass
sie etwas diagnostizieren, was mich nicht mehr los lässt. Woran ich
immer denken muss.
Ich will nicht, dass ich mir Sorgen um
meine Gesundheit mache, ich will nicht irgendetwas Komisches in mir
haben. Ich habe einfach Angst vor Diagnosen.
Irgendwann im Leben eines Mädchens
kommt der Zeitpunkt, an dem sie zum Frauenarzt geht. Aus welchen
Gründen auch immer. Den ersten Besuch habe ich mir schlimmer
vorgestellt, doch das, was ich wollte, hatte ich in den Händen –
die Pille. Mehr wollte ich von der guten Frau gar nicht.
Wie das aber nun mal ist, gibt es davon
hunderte verschiedene Arten mit verschiedenen Wirkstoffen. Die, die
ich hatte, war definitiv nicht die Richtige, daher musste ich sie ja
auch ausprobieren. Da waren Nebenwirkungen, die nicht hätten sein
dürfen. Schon allein anatomisch her nicht. Ich musste heute wieder
dorthin. Habe eine neue Pille bekommen.
Und dann sah sie mich an und meinte,
wenn eben diese Nebenwirkungen mit der neuen Pille nicht aufhören,
muss ich mich noch einer Untersuchung unterziehen. Weil dann
irgendetwas mit mir nicht stimmt.
Das wollte ich hören. Genau das. Das
vielleicht irgendetwas an mir unnormal ist und vielleicht nicht
richtig funktioniert. Dass etwas falsch sein könnte.
Ich habe keine Ahnung, was da falsch
ist.
Ich weiß nicht, ob da überhaupt etwas
falsch ist.
Ich weiß nicht einmal, was da
eventuell falsch sein könnte.
Aber die Gewissheit, dass es nicht
ausgeschlossen ist, macht mich jetzt schon wahnsinnig.
Mir bleibt nur das Warten und das
Hoffen, so, wie immer im Leben.
Ich könnte ja auch danach googlen –
aber ich glaube, laut Google, wäre ich dann sterbenskrank.
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